Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 2
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Dario Binotto, Dörthe Führer, Pauline Jacsont, Mikkel Mangold, Laura Glöckler, Joana Keller, Rudolf Gamper, Katalog der mittelalterlichen Handschriften der Kantonsbibliothek Thurgau, Basel, 2025, S. 53-56.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags (Schwabe Verlag, Basel, Berlin). Das Copyright an der Handschriftenbeschreibung liegt beim Verlag.
Handschriftentitel: Antiphonarium
Entstehungszeit: 1493
Frühere Signatur:
M.2
Beschreibstoff: Pergament
Umfang:
240 Blätter
Format: 53,5 × 39 cm
Seitennummerierung: Alte Foliierung, modern ergänzt: [A–D. I–IX]. 1–94. [94a–d]. 95–219. [220–223].
Lagenstruktur:
III + (V+III)9 + 3 V39 + VI51 + 4 V91 + (V+[I+2])101 + 4 V141 + 7 IV197 + III203 + 2 IV219, die 3 Doppelblätter IV–IX wurden zwischen die ersten beiden Blätter der ersten Fünferlage eingeheftet, die vier Blätter 94a–d, ein Doppelblatt und zwei an dieses (bzw. Bl. 94c) angeklebte Einzelblätter (94d Fragment, siehe Inhaltsangabe), in die Fünferlage Bl. 92–101. 9v ein Reklamant, beschnitten. 14r der Rest einer Lagen- und Blattzählung in Rot: b 5.
Zustand: Das Doppelblatt I /II im Bund oben und unten verstärkt. 64r ein Flicken über einer aufgelösten Pergamentnaht, ein weiterer 94av am unteren Rand.
Seiteneinrichtung:
Stiftliniierung, seitliche Begrenzung des Schriftraums mit Doppellinien in roter Tinte (Ir–IIv nur einfach, IIIr–IVv doppelt, aber mit Stift), Punktierungen am oberen und unteren Seitenrand, Schriftraum: Ir–IIv 43 × 29, 17 Zeilen; IIIr–Vr 40 × 25, 16 Zeilen; ab Vv 39–40 × 25 (Notenzeilen 27), 8 Zeilen mit Notenschema.
Schrift und Hände:
Textualis formata von mehreren Händen: ein erster Schreiber schrieb wohl Ir–IXr und 1r–61v, ein zweiter 62r–101v, vielleicht wieder der erste 102r–127r, wo er nach 5 Zeilen von einem dritten abgelöst wurde, der seinerseits bis 219v weiterschrieb; 94ar–cr stammen von einer anderen (vierten) Hand.
Musiknotationen: Quadratnotation auf vier roten Linien, mit Custos und schwarzen Taktstrichen.
Buchschmuck:
- Rote Überschriften und liturgische Anweisungen. Ein- und zweizeilige rote und blaue Lombarden mit Punktverdickungen und Konturbegleitstrichen, teils mit Ausläufern und bis 61v (und nochmals 108v–124v, vgl. zudem 88v) mit charakteristischen Ornamenten, gleichsam Pfauenaugen mit Wimpern; Ir, 140r, 145r, 153v, 163v, 168r, 174r, 175r, 184v, 193r, 200r, 209v (und noch einige weitere, sekundäre, wie auch 94ar–94bv) rot-blau ornamental gespalten, meist mit weinrotem Fleuronné, 1r mit rotem und schwarzem Knospenfleuronné. Schwarze, oft kadellenartige sekundäre Initialen (14r und vereinzelt auch später mit Gesicht), 9r und wieder ab 122r mit weinrotem Fleuronné (solches bis 216r), ab 62r in anderer Ausführung mit roten Füllungen, ab 102r wieder anders, mit Palmetten, Knospenfleuronné und Gesichtern in Schwarz.
- Vier historisierte Initialen:
- 1v Auferstehung (Angelus): Blaue Akanthus-Initiale, weiss moduliert, in geviertem Rahmen von Grün und Rosa, dunkeltonig und mit Weiss bzw. Gelb reliefiert, im Binnenfeld Grasgrund, darauf Christus, mit Siegesfahne einem offenen Sarkophag entstiegen, Segensgestus, auf dem Grabesdeckel ein Engel, der sich an die drei Marien im Hintergrund wendet, vor mit goldenen Fadenranken ornamentiertem Goldgrund; Rankenbordüre mit Akanthus, Blumen, Gold- und Silberpollen, Eule und Vogel, zusätzliche Farben: Gelb, Braun, Grau, Hell- und Dunkelrot.
- 25r Himmelfahrt: Grüne Akanthus-Initiale, gelb und schwarz moduliert, in geviertem Rahmen von Blau und Rosa, dunkeltonig und mit Weiss reliefiert, im Binnenfeld auf mit goldenen Fadenranken ornamentiertem Goldgrund elf Apostel und Maria, die Füsse Jesu oben noch ausserhalb einer blauen Wolke, seine Fussabdrücke im Gras auf einem Felsen, mit den zusätzlichen Farben Hellrot und Braun; Rankenbordüre: einseitiger verholzter Stab mit Ausläufern, darin Pfau, ein wilder Mann mit einem Bären im Ringkampf, Hirsch und Hirschkuh, Jagdhund, auch Erdbeeren und Goldpollen.
- 35r Pfingsten: ockergelbe Akanthus-Initiale, hellgelb und dunkelrot moduliert, grün und rosafarbener Rahmen (vgl. 1v) im Binnenfeld die zwölf erleuchteten Apostel um Maria in blauem Mantel, der bartlose Johannes in Rot, Petrus vorne rechts in Grau, links, in Rosa gekleidet, wohl Paulus, über dem Goldgrund die Taube des Hl. Geistes; Rankenbordüre: dreiseitiger Holzstab, daran und darum Blumen, Erdbeeren, Goldpollen, je 2 Wachteln, Fasane und Kaninchen, ein Storch.
- 51r Eucharistie: ein über der Hostie ausgebuchteter Rahmen, geviert von Hellrot (zweimal), Grün und Rosa, dunkeltonig und gelb bzw. weiss reliefiert, darin zwei Engel, der eine in Weiss, der andere in Gelb, mit einem übergrossen goldenen, schwarz und golden (Muschelgold) modulierten Abendmahlskelch und einer ehemals wohl silbernen Hostie, darauf Kreuzigungsgruppe, der Binnengrund blau mit roten Fadenranken; Rankenbordüre: zuerst Akanthus in Grün und Rosa, zuletzt als Dornranke ausgebildet, verschiedene Blumen, mehrere Vögel und zwei wilde Männer, der eine mit einem Drachen an der Leine.
Spätere Ergänzungen:
- Wenige Korrekturen und Ergänzungen der Schreiber, z. B. 1r, 160v, 198v; 82r, 160r und 195r Ergänzungen an den Rändern von Text und Notation, 167r Ergänzung: In festo reliquiarum … 94v nachgetragene Noten- und Textzeile, vgl. die erste Zeile 95r (bzw. die dazwischenliegende Ergänzung 94a–94d), ebenso 98v und 99r, 105r, 124v, ähnlich 133r (jünger) sowie 151r (Alleluia) und 151v (Israhel, Alleluia), noch jünger (ohne Noten) 152r.
- 113v Nachtrag am unteren Rand, 17./18. Jh., von anderer Hand und wohl noch jünger 72v.
- Bisweilen Verweise auf die Foliierung bei abgekürzten oder unnotierten Versen, z. B. 161r, 166r, 172r, 173v, teils auch als späte Nachträge, vgl. ebenfalls 173v oder 206v–208r.
Einband:
- Mit hellem Leder bezogene, innen abgeschrägte Holzdeckel, 1553 oder später. Werkstatt des Meisters von Schrots Wappenbuch, Frankfurt a. M. (EBDB w007467). Streicheisenlinien und Rollstempel (EBDB r002482: David, Paulus, Salvator und Esaia, mit Datum: 1553), sowie eine zweite Rolle (mit sechszähligen Blüten, vgl. auch Y 59). An den vier Ecken und in der Mitte von Vorder- und Rückdeckel Messingbeschläge. Zwei nach vorne greifende metallene Kantenschliessen mit Scharnier. Mit ungefärbtem Garn umstochene Kapitale.
- Spiegel- und Vorsatzblätter (A–D, 220–223) Papier, zu Doppelbögen zusammengeklebt, teils zusätzlich verstärkt (zweischichtig), Bl. D und 220 mit Wasserzeichen: Vierermarke mit Stab, darunter der Buchstabe S und eine zweikonturige M-Form.
Zusatzmaterial: 5 lederne Lesebänder und 31 goldene oder bronzierte Signakel (Bl. V, 1, 4, 6, 13, 25, 35, 46, 57, 70, 87, 94c, 95, 101, 108, 109, 118, 125, 138, 143, 152, 160, 162, 168, 174, 183, 192, 200, 209, 216 und 217).
Inhaltsangabe:
- A-D leer.
-
Ir-IXr
Cantica.
>Dominicis diebus canticum Isaie prophete<
Domine miserere nostri …
Is 33,2–10 und 13– 18 sowie Sir 36,14–19.
- (IIv) >Tempore paschali super cantica antiphona.< Alleluia … mit Quadratnotation, entsprechend auch für Auffahrt und Fronleichnam.
- (IIIr) Quis est ille qui venit de Edom … Is 36,1–5, Os 6,1–6 und So 3,8–13.
- (Vr) >Sequitur ymnus de solennitate paschali tam festivis quam ferialibus diebus distinctus in notis.<
- (Vv) und (VIIr) Hic est dies verus dei AH 50 Nr. 12 (2,1: ... perditis), zweimal (mit unterschiedlicher Melodie) …–… Cum sublevasset oculos Ihesus (CAO 2036) ... cum gratias egisset distribuit discumbentibus (CAO 1217). Magnificat. Evovae.
- IXv leer.
- 1r-94v Proprium de tempore. Sommerteil: Ostern – Karsamstag. >In vigilia resurrectionis dominice ad vesperas super psalmos< (5 Zeilen in kleiner Schrift). Alleluia alleluia alleluia alleluia evovae. >Responsorium.< Dum transisset … >In ewangelio.< Vespere autem sabbati … 1v >Versiculus.< Surrexit dominus vere … >Responsorium.< Angelus domini descendit … 23v Auffahrt (Vigil); 34r Pfingsten (Vigil) mit 41r AH 50 Nr. 144 (1–6, Doxologie wie R, S. 194; 3,1 wie BQ: septiformis gracia); 45v Corpus Christi (Vigil) mit 46r AH 50 Nr. 386, 48r Nr. 387 und 58r Nr. 388; 60v 1. Sonntag nach der Pfingstoktav; 70v 25. Sonntag, anschliessend Responsorien aus dem AT, mit Quadratnotation.
- 94ar-94cr Cantica >In festis apostolorum ad cantica antiphona.< Gaudete … Vos sacerdotes … Apostel, Märtyrer, Marcus, Philippus und Jakobus, Petrus und Paulus, Commemoratio Pauli, Allerheiligen, 94av für einen Märtyrer und einen Bekenner, Hugo abbas und Johannes den Täufer, 94bv Marienfeste, Maria Magdalena, Ursula, Jungfrauen (jeweils nur die Antiphonen mit Noten).
- 94cv leer
-
94dr-94dv
Missale.
Fragment mit Messen der Osteroktav. Vier inhaltlich zusammenhängende Seiten einer anderen, halb so grossen, zweispaltigen rubrizierten Hs., alte Foliierung: lxxxvi, obere Hälfte der Versoseite mit Fortsetzung recto, sowie lxxxvii, untere Hälfte der Rectoseite mit Fortsetzung verso.
- (94dv) // perdidit. Huic herente in quo suum nichil invenit … AH 53 Nr. 53 (12–16). >Secundum Iohannem.< In illo tempore manifestavit se Ihesus … (Io 21,1–14). >Feria v.< Victricem manum tuam domine laudaverunt pariter alleluia quia 94dr sapiencia aperuit os muti … >Psalmus.< Confitemini domino … >Oratio.< Deus qui diversitatem gencium … >Actuum apostolorum.< In diebus illis angelus domini locutus est ad Philippum … (Apg 8,26– 40). >Sequentia.< Grates salvatori ac Christo regi deo … >Iohannem.< In illo tempore Maria stabat ad monumentum … (Io 20,11–18). >Feria vi.< Eduxit eos dominus … >Beati Petri apostoli.< Karissimi, Christus semel pro peccatis 94dv nostris mortuus est iustus … vobis// Die jeweils unterste Spalte ist auf beiden Seiten teils kaum lesbar, auf der Versoseite am unteren Rand zwei weitere Fragmente als Flicken, aus einer 15zeiligen, ebenfalls unnotierten liturgischen Hs. mit roten und blauen Initialen: Te deum (mit Randnotizen), wohl 13. Jh.
- 95v-173v Proprius de sanctis. Zu Beginn der Seite anderthalb Zeilen mit dem ursprünglichen Anschluss von 94v, die dort bei Einfügung der Seiten mit den Cantica am unteren Rand nachgetragen wurden. >In conversione sancti Pauli< In omnem … >In purificatione beate virginis< Nunc dimittis … 101v Annuntiatio BMV, 109r ein Märtyrer in der Osterzeit (Commune sanctorum), 113v Benedikt, 118r Johannes der Täufer, 125r Petrus und Paulus, 134r Maria Magdalena, 138r Assumptio BMV, 160r Ursula, 162v Allerheiligen, 167r Dedicatio ecclesiae, 173v >In festo sancti Hugonis super psalmos vesperas antiphona.< Ecce sacerdos magnus … >Omnia in communi, antiphona 2a in io nocturno< Exulta satis >In festivitatibus gloriosissime virginis Marie sicut presentacionis, concepcionis, et compassionis, sicut in nativitate eiusdem.<
- 174r-219v Commune sanctorum, Gloria, Inventio Stephani. >Incipit commune sanctorum. In nataliciis apostolorum et evangelistarum.< In omnem terram exivit sonus eorum … Apostel und Evangelisten, 183r mehrere Märtyrer, 192r ein Märtyrer, 199v Bekenner, 208r Jungfrauen
- 220r-223v leer.
Entstehung der Handschrift: 34v von der Hand des Schreibers, in Rot: Pro Cartusiensibus prope Friburgum, 216v in Schwarz datiert: 1493.
Provenienz der Handschrift: Zunächst die Kartause ausserhalb der Stadt Freiburg im Breisgau, dann die Kartause Ittingen. Im Catalogus V.V. P.P. Priorum Domus Cartusiae S.ti Laurentii M. in Ittingen (im Urbarium von 1743, StATG Nr. 74238) ist auf S. 161 für das Jahr 1583 vermeldet, unter Prior Petrus Carbonarius Bohemus seien etwelche schöne geschribne Chor-Bücher von der Carthaus Freyburg erkauft worden; im Haupt Register des Archivs von 1713 (StATG Nr. 74232) ist unter den Negotia Domus unter der Nr. 26 verzeichnet ein Kauff Contract besigelet de A[nn]o 1585 um verschidene Chor-Büecher so von der Carthauß Fryburg erkaufft worden mit der stipuliereten Zusag Selbige im Fall ihrer noth dahin wider verabfolgen zu lassen. Da es nur in der unmittelbaren Nähe von Freiburg im Breisgau tatsächlich eine Kartause gab, kann wohl nicht die Stadt Freiburg im Üchtland gemeint sein.
Erwerb der Handschrift:
Spätestens seit 1858 unter der Signatur M.2 in der Kantonsbibliothek Thurgau, vgl. im ersten Katalog.
Bibliographie:
- Katalog 1858, S. 90;
- Katalog 1886, S. 151, 177;
- Albert Knoepfli, Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau, Bd. 1: Der Bezirk Frauenfeld, Basel 1950, S. 229f., S. 300f.;
- Bruckner, Scriptoria 10, S. 38f., Taf. 30.