St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 1394.4
Handschriftentitel: , Aeneis (Vergilius Sangallensis)
Entstehungsort: Italien (?)
Entstehungszeit: 3. oder 4. Jh. (Dold), 4. oder 5. Jh. (Schnoor), 5. Jh. (CLA Nr. 977; Mynors), Ende 5./Anfang 6. Jh. (Conte)
Beschreibstoff: Pergament
Umfang:
ein halbes Blatt, ein aus vier Stücken zusammengesetzter Streifen und ein Blatt
Schrift und Hände:
Capitalis quadrata von einer Hand
Spätere Ergänzungen: Angaben zu Werk, Buch und Vers am oberen, teils auch unteren Rand von Ildefons von Arx (18. Jh.); p. 1 Federprobe (13. Jh.), spätere Korrekturen, einzelne ausgeblichene Buchstaben später nachgezogen
Inhaltsangabe:
-
Aeneis
4,1–18 und 20–36; Aeneis 6, 665–659, 674–678, 688–695.678.696–705 (V. 678 ist versehentlich nach V. 695 ein zweites Mal eingefügt) und 706–724.
Die vier kleinen Streifen, die gemeinsam S. 3/4 bilden, dienten in Cod. Sang. 248 als Falzverstärkung zwischen den Seiten 197/212, 199/210, 201/208 und 203/206. Im Falz der erwähnten Seiten von Cod. Sang. 248, jeweils am oberen Ende der Seite, sind Abklatsche der kleinen Fragmente zu erkennen. Ein kleines Fragment desselben Blatts wie p. 3–4 klebt noch als Makulatur auf dem Vorsatzblatt von Cod. Sang. 275 (dort um 90° gedreht); von drei aufeinanderfolgenden Zeilen ist jeweils die Hälfte des ersten Buchstabens erhalten (vermutlich Aeneis 660–662). Zum selben Blatt gehörten auch zwei Fragmente, die nur noch als Abklatsche ebenfalls auf dem Vorsatzblatt von Cod. Sang. 275 sichtbar sind.
Die Fragmente sind Teil einer Gesamtausgabe der Werke Vergils (Bucolica, Georgica, Aeneis). Der grossformatige Codex mit annähernd quadratischen Blättern (ursprüngliches Seitenformat mindestens 31.5 × 37 cm, möglicherweise sogar 37.5 × 40.5 cm) umfasste im Originalzustand etwas mehr als 340 Blätter. Neben den Vergilfragmenten in Rom/Berlin (Vergilius Augusteus, Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 3256, und Berlin, Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz, Ms. lat. fol. 416) und Kairo (P. Oxy. 1098, Kairo, Ägyptisches Museum, JE 47435) sind sie weltweit die einzigen erhaltenen schriftlichen Zeugnisse in Capitalis quadrata.
Literatur
- CLA 7, Nr. 977 (Elias Avery Lowe, Codices Latini Antiquiores, Bd. 7: Switzerland, Oxford 1956, Nr. 977, S. 39).
- Alban Dold, Ein neues Fragment der berühmten St. Galler Vergilhandschrift in Capitalis elegans aus dem 3. oder 4. Jahrhundert, den schon bekannten, im Sammelkodex 1394 der Stiftsbibliothek St. Gallen eingereihten Blättern zugehörig, in: Wiener Studien 60, 1942, S. 79–86.
- Mario Geymonat, I codici G e V di Virgilio, in: Memorie dell’Istituto Lombardo – Accademia di Scienze e Lettere. Classe di Lettere – Scienze Morali e Storiche 29, 3, 1966, S. 289–438.
- Franziska Schnoor, Schriftbeschreibung und Datierung, in: Vergilius Sangallensis. Die spätantiken Vergil-Fragmente der Stiftsbibliothek St. Gallen, hg. von der Stiftsbibliothek St. Gallen, Luzern 2022, S. 17–22.
- Richard Seider, Beiträge zur Geschichte und Paläographie der antiken Vergilhandschriften, in: Studien zum antiken Epos, hg. von Herwig Görgemans und Ernst A. Schmidt, Meisenheim am Glan 1976 (Beiträge zur klassischen Philologie 72), S. 129–172.
Faksimile
- Vergilius Sangallensis. Die spätantiken Vergil-Fragmente der Stiftsbibliothek St. Gallen, hg. von der Stiftsbibliothek St. Gallen, Luzern 2022.
Editionen
- P. Vergilius Maronis opera, hg. von Mario Geymonat, Rom 1973.
- P. Vergili Maronis opera, hg. von Roger A. B. Mynors, Oxford 1969.
- P. Vergilius Maro, Aeneis, hg. von Gian Biagio Conte, Berlin 22019.
- P. Vergilius Maro, Bucolica, hg. von Silvia Ottaviano, Georgica, hg. von Gian Biagio Conte, Berlin 2013.