Basel, Universitätsbibliothek, B II 11
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Aus: HAN. Verbundkatalog Handschriften - Archive - Nachlässe, 2017.

Handschriftentitel: Evangeliarium
Entstehungsort: Marmoutier (?)
Entstehungszeit: 9. Jahrhundert
Frühere Signatur: Kartause Basel, Bibliotheca antiqua, F cxxxi (alt)
Beschreibstoff: Sehr regelmässiges, mittelstarkes Pergament.
Umfang: 1 Band (183 Blätter): mit Buchschmuck/Illustration
Format: 29 x 21 cm
Seitennummerierung: Moderne Bleistiftpaginierung: 1-364. Vorderes Vorsatzblatt mit "A " modern foliiert.
Lagenstruktur: 23 Lagen: (V-1)18 + 14 IV242 + (V-1)260 + 6 IV356 + II364. Ältere Zählung der Lagen meist in kleinen arabischen Ziffern auf der letzten Seite der Lage (S. 356: “22”), aber häufig abgeschnitten.
Seiteneinrichtung: Ungespalten. Schriftspiegel: 20/21 x 13 cm. 25 mit Punctorium abgesteckte, eingekerbte Zeilen, auf den Titelseiten nicht voll ausgenützt.
Schrift und Hände: Karolingische Buchschrift des 9. Jahrhunderts, unter Verwendung verschiedener Typen bzw. Grössengrade: Text in Minuskel; Unziale in Schwarz, Rot und Gold in den ersten Zeilen der Prologe, bei den Überschriften der Kapitelverzeichnisse und Evangelistennamen in den kleinen Kanonesbögen, auf der ganzen S. 27 (Matth.), 109 (Marc.), 171 (Luc.) und der halben S. 261 (Joh.); Capitalis rustica in Schwarz, manchmal Rot bei den Explicit; Capitalis quadrata, rot oder schwarz, als Titelzeilen der Praefationes, Kanones, Kapitelverzeichnisse, in Rot und Gold in sechs Zeilen zu Beginn des Johannesevangeliums (S. 261), in Gold und Silber auf Purpurunterlage vor jedem Evangelium (S. 2, 108, 170, 260). Weitere Hinweise sowie Literaturangaben zur Schrift bei Meyer/Burckhardt, 1960, S. 126.
Musiknotationen: S. 181-183: Neumen
Buchschmuck:
  • Vor jedem Evangelium (S. 2, 108, 170, 260) Titel in goldenen bzw. silbernen Kapitalbuchstaben auf je 5 purpurnen Bändern. Im Text Verwendung von Minium bei den Titeln (vgl. Ausführungen zur Schrift); einfache, rote Initialen an den Versanfängen, Titelverzeichnissen usw.; am linken Rand Canones Eusebii und Kapitelzahlen des Amiatinus.
  • Initialen:
    • Grössere Initialen (bis 20 cm Höhe) am Anfang der Evangelien: S. 27 (Matth., L und I als Ligatur) und S. 109 (Marc., Initiale I) beide aus rot konturierten, goldenen, an den Enden und Schnittpunkten flechtwerkartig sich knüpfenden Streifen mit Tierköpfen, die Zwischenglieder mit konzentrischen Rechtecken in Grün, Lila, Gold, Silber ausgefüllt; S. 171 (Luc., Initiale Q) ähnlich, aber mit gebogenen Formen, im Buchstabeninnern stilisierte, mit Gold und Silber gedeckte Pflanze; S. 261 (Ioh., Initiale I) ähnlich wie S. 109, jedoch an Stelle der Rechtecke Blattmotive. Abbildungshinweise bei Meyer/Burckhardt, 1960, S. 127.
    • S. 3, 7, 10, 26, 103, 163, 253: Kleinere Initialen bei den Prologen in Rot, Gold und Silber.
  • Miniaturen/Zeichn.:
    • Sieben Kanonestafeln S. 19-25, zuerst zweiteilig, S. 24 /25 vierteilig. Die Säulenschäfte, meistens mit Licht und Schatten modelliert, sind lilafarben, dunkelgrün, rotbraun und silbern, und zwar sind die Farben rhythmisch angeordnet, Silber immer in der Mitte. Die Basen, ungleichmässig durchgebildet, gehen auf die attische Basis auf Stufenunterlage zurück; für die Basisteile und Stufen ist zuweilen Gold verwendet. Die Umrisse rot oder schwarz. Die Blattkapitelle, durch ein gerade und ein rund profiliertes Glied vom Schaft getrennt, wechseln unter sich stark; zur Grundfarbe Weiss treten Gold und Silber für Blattteile und Helices. Gewöhnlich folgen Deckplatte und rechtwinkliger oder schräger Kämpfer, beide mit Punkt- bzw. Linienmuster; auf S. 22 zeigt der mittlere Kämpfer Balkenköpfe, auf S. 21 und 24 sind Prismen und Fächerpalmette zu einem Kämpfer kombiniert. Der kleinere innere und der umfassende äussere Bogen wechseln in Silber, Blau, Dunkelgrün, Lila, Gelb und Gold und enthalten Arabesken, Palmettenmuster und Balkenköpfe. Am Bogenansatz, in den Zwickeln und längs der Aussenlinie der grossen Bogen findet sich goldenes und silbernes Blattwerk, auf dem Bogenscheitel ein Akroterion. Die kleinen Bogen sind (mit Ausnahme von S. 19) aussen und innen, der grosse Bogen nur innen, von roten Punktreihen begleitet. Rechts und links davon finden sich als Raumfüllungen Blätterornamente (S. 20) oder Vögel in Gold und Silber, auf S. 19 zwei Pfauen in Grün, Lila, gelblichem Weiss und Silber.
Spätere Ergänzungen: Als Seitentitel über dem Schriftspiegel des betreffenden Evangeliums mit Kapitelzahl sowie am rechten Rand in Matth. die Zählung der 28 Kapitel von kursiver Hand des 15. Jahrhunderts. Spätere Interpunktionszeichen auf den S. 90-100, 117-119, 152-161, 240-248, 318-326.
Im vorderen Spiegel eingeklebte Notiz von Oberbibliothekar Ludwig Sieber vom 8.12.1886 mit Angaben zur Handschrift von Leopold Delisle.
Einband: Holzdeckel, mit modernem geglättetem braunem Leder überzogen, als Verzierung einfache Diagonale; von den älteren Elementen des Bandes die Haftbügel (vorn) und die Fassungen (hinten) der zwei Schliessen erhalten; innen im Vorderdeckel kleines, früher wohl aussen befindliches Titelschild eingeklebt mit der Titulatur 15. Jahrhundert: “Textus evangeliorum”.
Hauptsprache: Lateinisch
Inhaltsangabe:
Hochwertige Ausstattung der Handschrift in der Art der Schule von Tours. Koehler, 1930-1933, möchte das Werk der Periode des Abtes Adalhardus (834-843) und am ehesten einer im Scriptorium von Marmourier entstandenen Sondergruppe zuordnen. So auch Fröhlich, 1995 (Vetus Latina, Bd. 22), S. 107 Anm. 2.
  • S. 2-331 Quattuor evangelia iuxta Alcuini recensionem, prologis et argumentis, canonum tabulis et capitulorum indicibus aucta Incipit praefatio sancti Hieronimi presbiteri plures fuisse qui evangelia scribserunt et Lucas evangelista testatur …–… qui scribendi sunt libros. >Explicit evangelium Iohannis<
    Sog. "Alkuin-Rezension" mit folgendem Inhalt:
    • S. 2-11 Prologi;
    • S. 11-16 Capitula evangelii sec. Matthaeum;
    • S. 19-25 Canones Eusebiani;
    • S. 26-102 Evangelium Matthaei;
    • S. 103-162 Evangelium Marci;
    • S. 163-252 Evangelium Lucae;
    • S. 253-331 Evangelium Iohannis. Einzelheiten zu den Texten und Besonderheiten der Handschrift bei Meyer/Burckhardt, 1960, S. 116-122.
  • S. 332-364 Capitulare evangeliorum
    • [S. 332-361: Per anni circulum] >Incipit capitulare evangeliorum anni circuli<. In vigilia domini de nocte
    • [S. 362-364: Pro diversis causis] >Incipiunt capitula evangeliorum necessariae [sic]<. Pro ubertate pluviae sec. Lucam cap. lxxxiii
Entstehung der Handschrift: Aus der Basler Kartause. Besitzereinträge S. 3, möglicherweise Hand des Priors Adolf Brower (1439-1449): “Liber iste est Carthusiensium Basilee datus eis a domino Anthonio quondam decano Rinfeldie cuius anima requiescat in pace amen 1439”, und S. 331, unterer Rand, Hand des Priors Heinrich Arnoldi: “Liber Carthusiensium Basilee datus a venerabili domino Anthonio Rüstman quondam decano in Rynfeldia”. Eintrag S. 1, oben, Hand Jacob Laubers: “Ti. Textus evangeliorum in antiqua littera. F cxxxi”, weiter unten von demselben “Carthusiensium im Basilea”, dazwischen von anderer Hand nochmals die Signatur “F cxxxi”, entsprechend dem alten Standortkatalog für die Bibliotheca antiqua (AR I 2); ein analoger Eintrag im alphabetischen Katalog (AR I 4a) scheint zu fehlen. S. 1, Ecke rechts oben, radierte ältere Signatur “A [unlesbar]” von der Hand Heinrich Arnoldis.
Bibliograph. Nachweise
  • Escher, Konrad. - Die Miniaturen in den Basler Bibliotheken, Museen und Archiven. - Basel, 1917, Nr. 16.
  • Morin, Jean. - A travers les manuscrits de Bâle. In Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde; 26 (1927), S. 175-249, hier S. 178.
  • Rand, Edward Kennard. - Studies in the script of Tours. - Cambridge, Mass. 1929-1934, Bd. 1 (1929), S. 147, Nr. 96, und Bd. 2 (1934), S. 110-112, Nr. 96.
  • Pfister, Arnold. - Die Bedeutung Basels für die Buchkunst. Katalog. - Basel, 1936, S. 17
  • Die mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek Basel: beschreibendes Verzeichnis. Abt. B, Theologische Pergamenthandschriften / bearb. von Gustav Meyer und Max Burckhardt. - Basel: Universitätsbibliothek, 1960-1975. - Bd. 1, S. 115-127.
  • Die Bibel von Moutier-Grandval. - Bern, 1971, S. 63 Nr. 5.
  • Bischoff, Bernhard. - Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts, Teil 1. - Wiesbaden, 1998, Nr. 260.
Literatur
  • Stückelberg, Ernst Alfred. - Denkmäler zur Basler Geschichte. - Basel, 1907, Nr. 3, 221r, 27r.
  • Einordnung der Handschrift in den Zusammenhang der Schule von Tours: Die karolingischen Miniaturen / im Auftrag des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft hrsg. von Wilhelm Koehler und Florentine Mütherich. Bd. 1: Die Schule von Tours. - Berlin[-West]: Dt. Verlag f. Kunstwissenschaft, Wiesbaden: Dr. Ludwig Reichert Verlag, 1930-1933, bes. S. 227-229, Tabelle 348ff., 388f. und pass., Register 426.
  • Rand, Edward Kennard/Jones, Leslie Webber. - The earliest book of Tours. - Cambridge (Mass.), 1934, S. 110-112.
  • Bruckner, Albert. - Scriptoria medii aevi Helvetica 12: Das alte Bistum Basel, Genf, 1971, S. 29.
  • Vetus Latina: die Reste der altlateinischen Bibel / nach Petrus Sabatier; neu gesammelt und hrsg. von der Erzabtei Beuron. - Freiburg i. Br.: Herder, 1949ff., hier Bd. 22 (1995), hg. von Uwe Fröhlich, S. 107 Anm. 2.
  • Neidiger, Bernhard. - Selbstverständnis und Erfolgschancen der Dominikanerobservanten. In: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte; 17 (1998), S. 67-122, hier S. 98 Anm. 165.
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