Konservatorische Richtlinien

Handschriften werden in der Regel in einem der beiden Digitalisierungszentren von e-codices in der Stiftsbibliothek St. Gallen und der Fondation Martin Bodmer digital reproduziert. Auswärtige Handschriften werden vom Auftraggeber ins jeweilige Digitalisierungszentrum transportiert, wo diese mit den anderen Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen oder der Fondation Martin Bodmer sicher und sorgfältig mit den anderen Handschriften aufbewahrt werden.

Zum Transport siehe die Richtlinien  von Martin Strebel und Rafael Schwemmer. 

Vor der Digitalisierung wird ein Zustandsprotokoll erstellt und wenn nötig ein Restaurator zu Rate gezogen. Die Digitalisierung folgt einem sorgfältigen Protokoll, das seit Beginn des Projekts laufend überprüft und verbessert wird.

Während der Digitalisierung der Handschriften sollten sämtliche Belastungen des Objekts auf jenes Mass beschränkt bleiben, das deutlich unter einer durchschnittlichen Benützung der Handschrift, z.B. im Lesesaal oder während einer Ausstellung liegt. Alle äusseren Einflüsse werden regelmässig kontrolliert.

Beide Digitalisierungszentren sind mit dem Kameratisch „Grazer Modell“ aufgerüstet. Die Digitalisierung durch e-codices folgt klar definierten Kriterien:

  • die Handschrift wird anklimatisiert, so dass nur ein unerheblicher Unterschied zwischen der Raumtemperatur und der relativen Luftfeuchtigkeit zwischen Aufbewahrungsort und Digitalisierungsraum besteht
  • minimale Manipulation an der Handschrift selbst, mit Ausnahme des schonend zu erfolgenden Umblätterns, also kein Hin- und Herschieben, Drehen oder Wenden des Objektes
  • der Öffnungswinkel des Buchblocks bzw. der Buchdeckel darf in keinem Fall 140° überschreiten
  • keine mechanische Belastung der Blätter durch Plandrücken z.B. mit einer aufgelegten Glasplatte. Das Planliegen der Seite wird mit einem Unterdruckarm erreicht.
  • die relative Luftfeuchtigkeit liegt zwischen 40% und 60%
  • die Raumtemperatur liegt zwischen 18° und 25° und
  • die Handschrift ist nie unbeaufsichtigt und wird nach jedem Arbeitsgang sicher im Tresor verschlossen.

Blitzlicht oder Standlicht?

e-codices benutzt bei der Digitalisierung heute generell Blitzlicht. Diese Bevorzugung hat sich in den letzten Jahren bei den Schweizer Bibliotheken allgemein durchgesetzt. Dafür sprechen nicht nur die bessere fotografische Qualität, sondern vor allem auch konservatorische Überlegungen:

  • Der mögliche Schaden, den jegliche Art von Licht an einem belichteten Objekt erzeugen kann, beruht auf der Quantität von Licht (H), die sich aus Stärke des Lichts (lx) und Belichtungszeit (t) zusammensetzt. Das sogenannte Reziprozitätsgesetz ist auch beim Blitzlicht gültig und wissenschaftlich nachgewiesen. Mit anderen Worten: Die Beleuchtung von 20‘000 lx (Tageslicht bzw. ein Blitzlicht) während einer 1/4‘000 Sekunde (durchschnittliche Beleuchtungszeit) ist gleich einer Beleuchtung von 50 lx (gedimmtes Zimmerlicht) während 1/10 Sekunden. 
  • Die Ultraviolettbestrahlung kann bei Blitzlicht nahezu vernachlässigt werden. 
  • Blitzlicht erzeugt sehr viel weniger Wärme als Standlicht.

Digitalisierung mit mobilem Kameratisch

In Ausnahmefällen kann eine Handschrift auch mit einem mobilen Aufnahmegerät („Traveller TCCS 4232“)  vor Ort digitalisiert werden. Eine Digitalisierung vor Ort empfiehlt sich nicht aus konservatorischen Überlegungen, da unter Studiobedingungen viel bessere Resultate erzielt und schonendere Techniken zur Anwendung kommen.